Neue Rollstuhltransporter für den Landkreis kosten Millionen

Die Fahrdienste für kranke Menschen im Murgtal haben dieser Tage knapp 1,3 Millionen Euro in ihre Flotte investiert. Vor allem Rollstuhlfahrer profitieren.

„Ich habe immer gedacht: Ohne mich geht es nicht“, gesteht Walter Konnerth mit leiser Stimme aus dem Bauch des fremden Taxi-Kombis. Seit November 2025 muss es bei Taxi Walter nach 36 Jahren ohne den Lichtentaler gehen. Den Unternehmer haute es in schwarzer Nacht um. „Vermutlich ein Schlaganfall“, sinniert Konnerth. Jedenfalls sitzt er seitdem im Rollstuhl und muss regelmäßig zur Dialyse ins Krankenhaus in Balg. Krankentransporte hat Konnerth in der Kurstadt einst auch übernommen – „aber keine Dialysepatienten oder gar Rollstuhlfahrer“, erzählt der 65-Jährige, während ihn „Kollege“ Sebastian Doman vorne am Steuer mit dem Spezialtransporter von Rolliprofi Fahrdienste gen Klinik lenkt. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so ausgeht“, klingt Konnerth ob seines unerquicklichen Schicksals kurz vor dem Rentenalter deprimiert.

18 steile Stufen sind nur mit Treppensteiger zu meistern

Besonders wird ihm dies alles bewusst, wenn er nicht mehr aus dem ersten Obergeschoss seiner Wohnung in der Lichtentaler Maximilianstraße die Treppen hinabeilen kann, um mit seinem Taxi die Kundschaft ans Ziel zu bringen.

Konnerth muss froh sein, dass Domans Transporter von Rolliprofi Fahrdienste mit einem Treppensteiger bestückt ist. So gelangt er wenigstens in dem Spezialrollstuhl des Gernsbacher Unternehmens Stufe für Stufe die 18 steilen Treppen hinunter in den Hof, wo nach der Haustür drei weitere Stufen lauern.

Vor der Haustür in Lichtental müssen Walter Konnerth (links) und Sebastian Doman mit dem Treppensteiger drei letzte Stufen überwinden.
Foto: Hartmut Metz

Danach hievt ihn ein Lift in den Rollitransporter, der durch den Michaelstunnel zum Klinikum Mittelbaden rollt und ihn zur Dialyse bringt. Später holt ihn Doman wieder ab und die ganze Prozedur beginnt in Lichtental Stufe für Stufe mit dem Treppensteiger aufs Neue, nur diesmal hinauf.

Ältere Menschen wollen trotz schwieriger Wohnsituation nicht mehr umziehen

Hansjürgen Schmidt weiß als Hauptdisponent bei Rolliprofi, dass sich „ältere Menschen nicht mehr verpflanzen lassen wollen, auch wenn sie dadurch leider nicht mehr selbst nach draußen kommen“. Daher bedarf es der Treppensteiger, ohne die die gehbehinderten Menschen nicht mal mehr zum Arzt kämen.

Neuer Sprinter bietet Platz für bis zu drei Rollstühle

Die Zahl der älteren Menschen steigt und damit auch die Zahl der Behinderten, die auf Krankentransporte angewiesen sind. Das merken zwei Transportunternehmen im Murgtal ebenso und investierten dieser Tage kräftig: Taxi-Holl aus Gaggenau erwarb einen komfortablen Mercedes-Benz Sprinter für weit über 70.000 Euro. Das Fahrzeug mit dem Stern bietet laut Dirk Holl Platz für bis zu drei Rollstühle und fünf weitere Fahrgäste. Zudem verfügt es über einen elektrischen Rollstuhllift sowie ein individuelles Rückhaltesystem. Eingesetzt wird der Sprinter künftig im Landkreis Rastatt sowie im Anruf-Linien-Taxi.

Gernsbacher Rolliprofi-Fahrdienste kaufen 21 Fahrzeuge für 1,2 Millionen Euro

Dasselbe Einsatzgebiet decken die Rolliprofi-Fahrdienste ab. Die Gernsbacher orderten zuletzt gar für 1,2 Millionen Euro 21 Fahrzeuge. Die Ausrüstung verschlingt noch einmal ein Zehntel dieser Summe. Die Diesel-Flotte für Rollstuhlfahrer und Behinderte wurde bereits geliefert. Die zehn neuen Elektroautos sollen noch in diesem Jahr ihre ersten Dienstfahrten absolvieren, berichtet Murat Karadag, der das vor elf Jahren gegründete Unternehmen mit aktuell 67 Mitarbeitern zusammen mit Tobias Wüst führt.

Murat Karadag (links) und Tobias Wüst präsentieren einen ihrer neuen Diesel-Transporter, die bereits geliefert wurden. Auf die Elektrofahrzeuge muss ihre Rolliprofi Fahrdienste GmbH noch warten.
Foto: Hartmut Metz

Als „Versuchskaninchen“, wie Maximilian Schönfeld lachend sagt, fungiert er bei Taxi-Holl gerne, um den Krankentransport zu optimieren. Der 28-jährige Loffenauer sitzt selbst im Rollstuhl. Dass er als Disponent und in der Buchhaltung bei Taxi-Holl nach zweijähriger Suche 2019 einen Job fand, der ihm auf den Leib geschnitten ist, freut ihn doppelt: „Es ist eine schöne Arbeit, bei der ich den Leuten helfen kann“, sagt er mit Blick auf seine Leidensgenossen.

Die Murgtäler Transport-Profis präsentieren ihre neuen Fahrzeuge: Dirk (von links) und Romy Holl, Maximilian Schönfeld, der als Rollstuhlfahrer und Holl-Angestellter die zusätzliche Fahrtmöglichkeit im neuen Mercedes nutzen kann, Tobias Wüst und Murat Karadag.
Foto: Hartmut Metz

Die hohen Investitionen zeigen, dass der Krankentransport ein kostspieliges Geschäft ist. Eine Fuhre kostet im Landkreis, wo Taxi Holl und der Rolliprofi meist in den Orten in und um Bühl, Baden-Baden, Rastatt und im Murgtal tätig sind, je nach Fahrstrecke zwischen 50 und 70 Euro, berichten Tobias Wüst und Dirk Holl. Die Abrechnungen bei den Krankenkassen bis auf den Eigenanteil übernehmen die beiden Firmen komplett, so dass die psychisch ohnehin geplagte Kundschaft damit ab Pflegegrad 3 „keinen Stress“ hat, betonen Wüst wie Holl und verweisen zudem auf eine ausführliche Beratung der Patienten, um auch die Scheu vor den Krankentransporten zu nehmen.

Krankenkassen werden knauserig

Früher gab es noch von der AOK zwölf Euro extra, erzählt Karadag, wenn ein Treppensteiger zum Einsatz kommen musste. „Jetzt zahlen die nichts mehr, selbst wenn wir wie bei einem Extremfall 45 Minuten zusätzlich benötigen, um 81 Stufen mit Wendeltreppe zu überwinden“, ärgert sich der 55-jährige Geschäftsführer.

Fünf Euro Eigenanteil bei Einsatz eines Treppensteigers

Sein 56-jähriger Kompagnon hat für den Sparkurs auch kein Verständnis: „Der Kostendruck ist sehr hoch. Dabei halten wir das einst gute Rettungsdienstnetz am Laufen. Die müssen keine Zeit mit Fahrten zu Behandlungen verlieren“, betont Wüst und verweist auf die weit teureren Notfallwagen von DRK & Co. „Ich musste unlängst 800 Euro bezahlen“, berichtet Wüst von einer eigenen unschönen Erfahrung. Durch den Sparkurs der Krankenkassen bleiben so nun beim Einsatz eines Treppensteigers fünf Euro Eigenanteil an den Patienten hängen.

Einfühlsame Fahrer erhalten 400 Euro Erschwernisprämie

Bei Rolliprofi gesellen sich zum Mindestlohn von aktuell 13,90 Euro, der sich auf 14,60 Euro je Stunde ab 2027 erhöht, je Monat eine „zusätzliche Prämie von 400 Euro sowie einen Tankgutschein von 50 Euro“ hinzu, um eher Mitarbeiter zu finden. „Die Arbeit macht Spaß, weil man Menschen hilft“, betont Fahrer Doman, sie sei aber auch anstrengend. „Wenn man geistig behinderte Kinder transportiert, muss man Leidensfähigkeit besitzen und Toleranz üben“, ergänzt Wüst.

Kollegiales Verhältnis: Murgtal-Schwergewichte ergänzen sich

Taxi-Holl mit seinen 243 Mitarbeitern und Rolliprofi sehen sich nicht als Konkurrenten und pflegen zum Wohle ihrer Klientel ein kollegiales Verhältnis: Die beiden Murgtal-Schwergewichte im Personentransport ergänzen sich: „Rolliprofi übernimmt die Transporte, wenn ein Treppensteiger erforderlich ist, wir bieten dafür einen 24-Stunden-Service an und können Patienten auch zu nächtlicher Stunde befördern“, erläutert Dirk Holl.

Blick in den neuen Sprinter: Neben Maximilian Schönefeld (Mitte) würden noch zwei weitere Rollstuhlfahrer in dem Spezial-Mercedes Platz finden, erläutern Romy und Dirk Holl.
Foto: Hartmut Metz
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